In meiner Reflexion werde ich auf folgende Workshops eingehen: „Become Visible: Welche Geschichten werden erzählt?“ präsentiert von Pro Quote Bühne in Kooperation mit dem Theater an der Parkaue und „Im Schatten des Kanons: Umschreibung eines ‚Klassikers‘“ mit Antigone Akgün
Für meine Zukunft als Theater- und Deutschlehrerin haben mich vor allem die Veranstaltungen zu den Themen „Kanon“ und „Kanon-Bearbeitung“ interessiert. Sie haben meine berufliche Praxis in diesem Bereich nachhaltig geprägt.
Hierzu eine anekdotische Einordnung: An der Humboldt-Universität zu Berlin belegte ich in meinem Germanistik-Grundstudium das Pflichtmodul „Neuere deutsche Literatur“. Wir behandelten vorrangig Fontane sowie „Klassiker“ wie Schiller und Goethe. Ich hinterfragte die Auswahl wenig und dachte: Nur diese Werke und Autoren muss ich kennen, um eine ‚gute‘ Deutschlehrerin zu sein? Im Master of Education änderte sich dies dann schlagartig. Natürlich kamen die „Klassiker“ immer wieder auf und wir sprachen auch über sie, doch vom Kanon war keine Rede mehr. Und auch in meinem Praxissemester an einer Integrierten Sekundarschule, wurden die „Klassiker“ eher ausgespart und, wenn überhaupt, meist be- oder überarbeitet eingesetzt.
In der Veranstaltung „Become Visible“ fragte ein*e Zuschauer*in: Was ist überhaupt ein Kanon? Interessanterweise kam diese Frage erst zum Ende der Veranstaltung auf – der Begriff Kanon wurde also vorher nicht definiert. Nachdem zunächst nicht direkt auf die Frage eingegangen wurde, antwortete Sarah Elisabeth Braun, eine Speakerin des BiPoC Netzwerk:
„Kanon wird unterschiedlich definiert – es sind Klassiker. Es sind aber vor allem die Stücke, die Schiller, Goethe, Lessing – männliche Autoren aus dem deutschsprachigen Raum – verfasst haben und die extrem viel gespielt werden. Sie werden vor allem in der Schule, also im Deutsch-Leistungskurs zum Beispiel, durchgenommen. Dementsprechend sind die Vorstellungen von den Stücken, also zum Beispiel von „Die Räuber“ gut besucht. Wenn du das gerade in deiner Abi-Vorbereitung hattest, schickst du da jede Klasse immer wieder rein, dementsprechend sind auch die Auslastungszahl an den Häusern anders und deswegen funktioniert das auch immer wieder (…) Ich würde sagen der Kanon spiegelt die Klischees wider – du hast immer einen Helden und der hat eine Krise.“ (Sarah Elisabeth Braun, 02:30:00– 02:32:00, zur Lesbarkeit leicht bearbeitet).
Die Frage ist insofern interessant, als dass es keine genaue Definition des Begriffs „literarischer Kanon“ gibt. Eine beispielhafte Liste, die im deutschsprachigen Raum immer wieder herangezogen wird, lieferte Marcel Reich-Ranicki. In „Der Kanon: Die deutsche Literatur“ wird besonders deutlich, dass die Werke eine stark einseitige Perspektive repräsentieren: Die Autor*innen stammen ausschließlich aus dem westlichen Kulturraum, sie sind weiß und überwiegend männlich sozialisiert. Lediglich fünf Frauen werden in dieser Liste aufgeführt.
Hier zeigt sich eine Verbindung zu der Kanon-Definition von Sarah Elisabeth Braun. Sie problematisiert den Kanon bereits in ihrer Beschreibung und macht die intersektionalen Probleme des Kanonbegriffs sichtbar: Es handelt sich häufig um männliche, heterosexuelle, cis-geschlechtliche Autoren, um einseitige Abbildung des deutschsprachigen/westlichen Kulturraums und um klischeehafte Figuren. Eine fortwährende Reproduktion dieses Kanons verstärkt nach meiner Einschätzung gesamtgesellschaftliche Probleme. Sie reproduzieren immer wieder dieselben Geschichten aus männlichen, heterosexuellen und weißen Perspektiven. Die Veranstaltung „Become Visible“ hat diese Problematik zwar benannt, lies mich jedoch auch mit vielen Fragen zurück: Wie kann ein erweiterter Kanon aussehen? Wie lassen sich diese Strukturen in Lehrplänen aufbrechen? Wie gehe ich mit verpflichtenden Literaturvorgaben um? Wie kann ich diese Debatten in meiner Rolle als Deutsch- oder Theaterlehrerin produktiv aufgreifen?
In der Veranstaltung konnte die Frage danach, wie ein erweiterter Kanon aussehen könnte, oder welche diskriminierungskritische Erweiterungsmöglichkeiten dieser braucht, nicht beantwortet werden. Für meine eigene Praxis als Lehrerin nehme ich mir jedoch vor, den Schüler*innen ein diverses Verständnis von Literatur zu vermitteln. Ich möchte sie dazu befähigen, kanonisierte Werke kritisch zu hinterfragen und diskriminierende Strukturen und Themen zu erkennen. Darüber hinaus ist es mir wichtig, dass Schüler*innen sich einerseits in Literatur wiederfinden können und andererseits einen multiperspektivischen Blick auf die Welt entwickeln, der queere und interkulturelle Perspektiven zweifellos einschließt.
Die Reaktion auf die Frage, was ein Kanon sei, enttäuschte mich während der Veranstaltung. Eine ehrliche Antwort erfolgte nur durch eine einzelne Person, während die Moderation die Frage weitgehend unbeachtet ließ. Ich finde, genau solche vermeintlich einfachen Fragen braucht es jedoch, um auch mit Schüler*innen in einen kritischen Diskurs einzutreten. Solche Veranstaltungen benötigen eine begriffliche Klärung als Grundlage, um das Problem überhaupt benennen zu können.
Eine wichtige Ergänzung bot mir der DSD-Input „Im Schatten des Kanon“ mit Antigone Akgün. Das von Akgün angeregte biografische Nachdenken über „Lieblingsstücke“ oder „Hassstücke“ aus dem Kanon löste zunächst ein ungutes Gefühl in mir aus. Als die Liste dieser Stücke in der Gruppe geteilt wurde, verspürte ich den Grund: ich hatte viele der Texte nicht gelesen, einige davon lediglich im Theater gesehen. Dieses Gefühl verflog jedoch recht schnell, als wir unsere Lieblings- oder Hassmomente begründen und einordnen sollten. Dabei wurde mir bewusst, dass ich vor allem Bearbeitungen oder Überschreibungen klassischer Dramen positiv in Erinnerung hatte. Im Plenum kamen wir daher schnell zum Konsens, dass Werke des Kanons, sofern sie weiterhin aufgeführt werden, für die heutige Zeit bearbeitet werden müssen, um diskriminierende Strukturen und Erzählweisen aufzudecken.
Dazu entwickelten wir eine Kriterienliste, die uns an zeitgenössischen Theaterstücken besonders wichtig sind. Diese erweiterbare Liste wird mir auch in meiner zukünftigen Praxis helfen, Stücke mit Schüler*innen zu er- oder bearbeiten:
Gesellschaftliche Relevanz
Barrierefreier Zugang (weniger Vorwissen notwendig)
Interpretationsspielräume (mehrfach anwendbar)
Sprachliche Gestaltung (z.B. interessante Formen)
Übersichtlichkeit in Bezug auf Figuren und Handlung
Positionierung in Bezug auf gesellschaftliche Konflikte (intersektionale Themen)
Identifikationspotenzial Wer spielt und wer erzählt?
Diese Kriterien versuchten wir anschließend in Kleingruppen an Gotthold Ephraim Lessings „Nathan der Weise“ anzuwenden und entwickelten erste Ansätze einer Überschreibung des Werkes.
Die Formulierung eigener Kriterien war für mich ein wichtiger Moment des Workshops. Das bewusste Nachdenken darüber, welche Aspekte mir als zukünftige Theaterlehrkraft wichtig sind, hat in mir eine Motivation geweckt, mich weiter mit dem Thema „Kanon und Überschreibungen“ zu beschäftigen.
In meiner aktuellen schulischen Praxis konnte ich schon einige Positivbeispiele entdecken. So in „Deutsch kompetent 9“, Lehrbuch des Klett-Verlags:
Jeden Tag packe ich den Koffer ein und wieder aus.
Morgens, wenn ich aufwache,
plane ich die Rückkehr,
aber bis Mittag gewöhne ich mich mehr an Deutschland.
Ich ändere mich
und bleibe doch gleich
und weiß nicht mehr,
wer ich bin.
Und jeden Tag fahre ich
zweitausend Kilometer
in einem imaginären Zug
hin und her,
unentschlossen zwischen dem Kleiderschrank
und dem Koffer,
und dazwischen ist meine Welt.
Das Gedicht behandelt die Themen „Heimat und Heimweh“. Das lyrische Ich scheint vor einiger Zeit aus einem anderen Land nach Deutschland gekommen zu sein und seine Heimat stark zu vermissen. Es scheint eine tiefe Zerrissenheit zwischen dem Ankommen im neuen Land und dem Vermissen der alten Heimat zu verspüren. Alev Tekinay ist Schriftstellerin und Germanistin, wurde in Izmir geboren und kam zum Studium nach Deutschland. Ihre Gedichte handeln oft von dem Ankommen in einem neuen Land und dem Vermissen der alten Heimat. Das Auftreten dieser Themen, die eine große Gruppe von Schüler*innen betreffen, in einem Schulbuch als „Kanonstoff“ zu finden, ist ein positives Beispiel dafür, wie zukünftig mit Texten und „Klassikern“ umgegangen werden kann.
In meinem Referendariat achte ich in meiner Textauswahl für den Deutsch-, wie den Theaterunterricht auf eine intersektionale Perspektive. Dabei nehme ich wahr, dass auch im Kollegium eine hohe Sensibilität für diese Frage besteht. Im Fachbereich Deutsch entwickelten wir eine interkulturelle Lyrik-Reihe für die zehnte Klasse. Zudem beschäftigen wir uns in der Mittelstufe mit dem Thema „Rebellische Frauen“, wofür sich insbesondere die gleichnamige Graphic Novel von Marta Breen und Jenny Jordahl eignet, die historisch bedeutsame Frauenfiguren sichtbar macht.
Der Theaterunterricht bietet thematisch eine große Offenheit. Einerseits ermöglichen biografische Zugänge, die Perspektiven und vielseitigen Hintergründe der Schüler*innen einzubeziehen. Andererseits bieten kanonisierte Texte in der Oberstufe eine geeignete Diskussionsgrundlage. Häufig arbeiten wir dabei mit Adaptionen und beziehen eigene, kritische Gedanken der Schüler*innen mit ein. Auf diese Weise entsteht im Fachbereich ein ganz eigener Kanon, der auch Graphic Novels einschließt, etwa von Liv Strömquist, die in ihren Graphic-Essays Themen wie Schönheitsnormen, Beziehungsmuster oder den Mythos vom männlichen Genie aus einer feministischen Perspektive verhandelt. Mein Verständnis von „Kanon“ hat sich dadurch nicht nur in Bezug auf Themen, Protagonist*innen und Autor*innen intersektional erweitert, sondern auch hinsichtlich von Textsorten geöffnet. Und die Schüler*innen profitieren von einer breiten Auswahl der Medien.
Breen, M. (2023). Rebellische Frauen – Woman in Battle. Insel.
Deutsch kompetent 9. (2014). Wege und Umwege: Gedichte untersuchen und deuten. Ernst-Klett.
Löding, T. (2024). Kanon – Die deutsche Literatur: Reich-Ranickis Liste. LIWI Blog.
https://liwi-verlag.de/der-kanon-die-deutsche-literatur-reich-ranickis-liste/
(letzter Zugriff am 14.02.2026).
Parkaue, Junges Staatstheater Berlin. (2024). Become Visible. Wessen Geschichten werden erzählt?
https://www.parkaue.de/spielplan/a-z/become-visible-2024/ (letzer Zugriff am 02.03.2026).
Strömquist, L. (2021). Im Spiegelsaal. avant verlag.
Strömquist, L. (2024). Das Orakel spricht. avant verlag.