Klassismus in Schule und Theater
Ein persönlicher Zugang und seine Bedeutung für professionelles Handeln. Patrick N.
Keywords
Bücher und Zugehörigkeit
Kulturelle Prägung im Gymnasium
Bourdieus Kapitalformen
Klassismus im Bildungssystem
Kulturelles Kapital und Theaterunterricht
Theaterunterricht und reflektierte Diversitäts-Erfahrungen
Ausgehend von mir…
Im Seminarraum herrschte eine interessierte Aufmerksamkeit, als die Referentin Leila Ercan die Teilnehmer*innen aufforderte, sich auf Grundlage ihrer eigenen Erfahrungen und Biografien räumlich auf einer von zwei möglichen Seiten zu positionieren. Sie stellte verschiedene Fragen, wir bewegten uns in dem gedanklich geteilten Raum, reflektierten dabei unsere ganz persönlichen Bezüge zum Seminarthema A Sense of Belonging und machten diese für die anderen Teilnehmer*innen transparent. Eine Frage blieb mir dabei besonders im Gedächtnis: „Gab es in deinem Elternhaus mehr oder weniger als 15 Bücher“? Ich stellte mich auf die Seite derjenigen, die weniger als 15 Bücher im Elternhaus hatten. In meiner Erinnerung gab es in unserem Bücherregal nur eine Handvoll Bücher. Diese bestanden hauptsächlich aus praktischen Ratgebern rund um Reisen, Kind und Familie sowie einem alten Brockhaus-Band, dessen Funktion im Haushalt eher repräsentativen Charakter hatte, als dass er aktiv genutzt worden wäre. Diese konkrete Frage, diese konkrete Raumaufstellung, dieser ganz konkrete Einblick in unser Elternhaus, all das sollte mich nachhaltig beschäftigen und die Frage nach meiner sozialen Herkunft zunehmend in den Fokus meines eigenen (akademischen) Werdeganges setzen. Ich begann intensiver darüber nachzudenken, warum es in meinem Elternhaus so wenige Bücher gab, wie allein diese Tatsache meinen Bücherkonsum fortlaufend beeinflusst haben könnte, wie wichtig Bildung in meinem Elternhaus war und ich erkannte, wie sich diese hauptsächlich in praktischen Fertigkeiten und direkt anwendbarem Wissen manifestierte. Erst mit dem Schulwechsel aufs Gymnasium kam eine grundlegende Veränderung. Plötzlich fand ich mich in einer literarisch und kulturell reichen Umgebung wieder. Lehrer*innen wurden zu Mentor*innen, sie ermöglichten mir Zugänge, weckten mein Interesse an Literatur, Kunst und Theater und eröffneten somit eine neue Welt, die ich bislang nicht kannte. Meine neuen Freund*innen diskutierten Bücher und Filme – was mir völlig neu war. Zusammen gingen wir das erste Mal in ein großes Stadttheater – ohne Lehrkraft! Wir ritualisierten diese Vorgänge, die mich unweigerlich und schleichend von meinem Elternhaus distanzieren sollten. Ich erinnere mich zurück an die Wohnungen meiner Freund*innen, an ihre Eltern und an die Gespräche an ihren Esstischen. Besonders lebendig vor meinem inneren Auge erscheinen die riesigen Bücherwände, die ihre Wohnzimmer zierten – etwas, das mich rückblickend nicht mehr überrascht.
… über Gesellschaft und Schule
Die Inputs von Ursula Jenni, Tanja Abou und Leila Ercan im Rahmen des Programms Didaktischen Schwerpunkts Diversity an der Universität der Künste Berlin, halfen mir, Klassismus als eine tief in der Gesellschaft verankerte Form der Diskriminierung und Unterdrückung zu verstehen, die die systematische Benachteiligung von Menschen aufgrund ihrer sozialen Herkunft oder Klassenzugehörigkeit beschreibt. Von besonderer Bedeutung war dabei die Auseinandersetzung mit Pierre Bourdieu, der die Reproduktion sozialer Ungleichheit in der Gesellschaft analysierte und dabei vier zentrale Kapitalformen identifizierte: ökonomisches, kulturelles, soziales und symbolisches Kapital. Diese entscheiden nicht nur über den Status und die Machtposition eines Menschen in einer Klassengesellschaft, sondern prägen auch maßgeblich seine Vorlieben, Gewohnheiten oder sein Sozialverhalten (vgl. Bourdieu, 1983). Die Auseinandersetzung mit dem sogenannten Habitus (vgl. Bourdieu, 1976) weckte mein Interesse – sowohl in Bezug auf meine eigene Biografie als auch in Hinblick auf den Kosmos Schule als Ort, an dem Klassismus reproduziert und manifestiert wird. Klassismus zeigt sich dort in Form von Vorurteilen, Stereotypen und diskriminierenden Verhaltensweisen gegenüber Schüler*innen aus (bildungs-)ärmeren Verhältnissen oder der Arbeiterklasse und ist somit tief im Bildungssystem verankert, obwohl dieses den Anspruch der Chancengleichheit erhebt (vgl. El-Mafaalani, 2021). Das deutsche Schulsystem ist jedoch darauf ausgelegt, dass Eltern „die schulische Autorität mit verkörpern“ (Vinken, 2007, S.16), wodurch der schulische Erfolg eines Kindes stark vom pädagogischen Einsatz der Eltern abhängt. Verfügt das Elternhaus nicht über die dafür erforderlichen Ressourcen, kann dies zu schlechteren Lernbedingungen für das Kind führen. Zudem vermitteln Schulen Inhalte, Werte und Verhaltensweisen, die der Mittel- und Oberschicht entsprechen, während die Lebenswelten anderer Schichten häufig ignoriert oder abgewertet werden. Auch tragen manche Lehrkräfte unbewusste Vorurteile und niedrigere Erwartungen gegenüber Schüler*innen aus einkommensschwächeren Verhältnissen, was sich negativ auf deren Leistungen auswirken kann. Durch die soziale Segregation von Wohnvierteln und Bildungseinrichtungen werden spezifische Schulen häufig von einem hohen Anteil von Schüler*innen aus bildungsfernen (in Bezug auf akademische Bildung) Familien und mit schlechteren Lernvoraussetzungen besucht. Die klare Abgrenzung der Gymnasien verschärft diese Unterschiede und manifestiert Klassenunterschiede weiter. Auch das Fach Theater birgt die Gefahr, Klassismus zu reproduzieren und Schüler*innen mit weniger kulturellem Kapital zu benachteiligen, gerade weil es andere Codes, Verhaltensweisen und Strukturen aufweist als Fächer wie Mathematik und Deutsch. Erst während des Praxissemesters wurde mir vor Augen geführt, wie voraussetzungsvoll Theaterunterricht und Theaterbesuche sein können – das wurde mir vor allem in dem direkten Vergleich zwischen Gymnasium und Oberschule bewusst, ich war zu der Zeit an beiden Schulformen tätig. Der Besuch eines Theaters erfordert oft ein kulturelles Kapital, das Schüler*innen aus nicht akademischen Milieus möglicherweise fehlt. Aufgrund eines mangelnden Zugangs zu kulturellen Veranstaltungen, wie z.B. Theateraufführungen, kennen daher viele Schüler*innen, die sich neu in das Feld des Theaters bewegen, die kulturellen Referenzen und sprachlichen sowie sozialen Codes nicht, die das Theater oft voraussetzt. Der Soziologe Aladin El-Mafaalani schreibt hierzu: „Demgegenüber verursachen soziale Kontexte mit großer sozialer Distanz zum Herkunftsmilieu Unsicherheit, Unwohlsein oder gar Vermeidungshandeln – man geht solchen Situationen, wenn es möglich ist, aus dem Weg. Denn in ihnen fühlt man sich ‚fehl am Platz‘ (…)“ (El-Mafaalani, 2021, S. 46). In den von El-Mafaalani beschriebenen Situationen, kann es bei Schüler*innen mit weniger kulturellem Kapital zu einem Gefühl der Hochstapelei kommen, dem sogenannten Imposter-Syndrom. Ein Gefühl, bei dem man glaubt, die eigene Leistung und Anwesenheit sei nicht verdient, was mit der Befürchtung einhergeht, bald als Betrüger*in (im Theater) entlarvt zu werden (vgl. DSD-Input Tanja Abou, 2024). Auch kann die Teilnahme am Theater finanzielle Ressourcen erfordern (konkret im Theaterunterricht: spezielle Kleidung, Gebühren für Theaterfahrten usw.), die von den Familien nicht aufgewendet werden können. Dass ein einzelner Theaterbesuch über sechs Wochen Planung erfordern kann – darunter die Verhandlungen über Finanzierung, Fahrtweg und Motivation der Schüler*innen, habe ich bei der Begleitung eines Theaterkurses an der Oberschule selbst erfahren.
Der Input A Sense of Belonging von Leyla Ercan schärfte meine Sinne in den Fragen nach Theater, Klassismus und Zugehörigkeit. Ercan manifestierte, dass die stadtpluralistische Gesellschaft in der aktuellen Theaterszene nicht repräsentiert wird. Eine homogene, oft weiße Gruppe gestaltet ihr spezifisches Programm, das wiederum ein spezifisches Publikum anspricht. Laut Ercan führt dies zum Similar-to-me-Effekt, bei dem Menschen dazu neigen, Homogenität zu produzieren, woraus eine Homosozialität entsteht (vgl. DSD-Input Leila Ercan, 2024). Da jedoch 95 % des Kulturhaushaltes und damit die Steuergelder aller in feste Einrichtungen fließen, sollte nicht ausschließlich ein geringer Prozentsatz (und damit ein weiß-akademisches Publikum) von der Institution Theater profitieren (vgl. ebd.). Die daraus resultierenden Fragen – Wer besucht das Theater? Welche Stücke werden aufgeführt? Wer fühlt sich repräsentiert? – sind auch für den Diskurs über Klassismus im Theater von Bedeutung.
…hin zum eigenen Handeln
Theaterunterricht klassismussensibel zu gestalten, erscheint als eine komplexe Aufgabe, die sich innerhalb dieser Reflexion nicht erschöpfend bearbeiten lässt. Dennoch ist mir bewusst, dass eine klassismuskritische Sensibilisierung, insbesondere in Anbetracht meiner eigenen Biografie, ein erstrebenswertes Ziel für mich in meiner Position als Lehrkraft darstellt. Ausgelöst von den Inputs des DSD möchte ich in ein erstes Nachdenken darüber kommen, wie ich mir mein professionelles Handeln perspektivisch vorstelle.
Das Kennenlernen des Theaters (Theaterspielen, Theaterhäuser, Theaterstücke etc.) bringt eine Reihe von neuem Wissen mit sich – darunter auch implizites Wissen über Codes und Verhaltensweisen, das sich vom Wissen und den Normen der eigenen Herkunftsklasse potenziell unterscheiden könnte. Dazu gehören etwa spezifische Verhaltensregeln im Theaterraum (z. B. Ruhe, Applausformen, Pünktlichkeit), ästhetische Codes wie das Deuten von theatralen Zeichen und Symbolen, und auch sprachliche und fachliche Codes des Theaterbetriebs (Requisite, Soufflage, Inspizienz, etc.). Was ich in der Darlegung meiner eigenen Biografie als ‚neue Welt‘ deklarierte, die ich durch meine DS-Lehrkräfte kennenlernte, bezieht sich demnach nicht ausschließlich auf meinen neu gefunden künstlerischen Ausdruck, sondern eben auch auf das kulturelle Kapital, das ich mir aneignete und das mich zunehmend zwischen mich und mein Elternhaus drängte. Gerade in der Institution Schule, wo Menschen – unter anderem verschiedener Klassen – zusammenkommen, stellt der Theaterunterricht einen spannenden Raum zur Verhandlung von Diversität dar. Rollenspiele, Biografisches Theater, szenische Interpretationen sind dabei nur einige Formen und Methoden, die kritisches Denken, Empathie und das Verständnis für unterschiedliche Perspektiven fördern. Schüler*innen nehmen die Rollen von Figuren mit unterschiedlichen sozialen Hintergründen ein und spielen Szenen aus deren Alltag nach und erlangen einen Einblick in die Herausforderungen und Erfahrungen dieser Lebensrealitäten, was wiederum einen Rahmen für geleitete und reflexive Gespräche innerhalb der Gruppe bietet. Auch die Nutzung persönlicher Erfahrungen und Geschichten bietet nicht nur Chancen für theatrale Darstellungen, sondern zudem die Gelegenheit für die Sichtbarmachung und Verhandlung von Diversität, sowie die Anerkennung dieser. Ich will als Lehrkraft als gutes Beispiel vorangehen und diesen Gesprächsraum zulassen, wobei Diversität, Meinungen und Erfahrungen anerkannt und ausgehalten werden müssen. Das Zuhören und den daraus resultierenden Austausch möchte ich als zentrale Routine im Theaterkurs etablieren.
Dass Theaterbesuche ein Gefühl des Unwohlseins auslösen, stellt eine weitere wesentliche Erkenntnis für mich dar. Das genaue Hinschauen, das gezielte Ansprechen und Verhandeln von Situationen, in denen Schüler*innen eine Distanz zum künstlerischen Feld wahrnehmen, empfinde ich hierbei als grundlegend. Im gemeinsamen Gespräch über die unterschiedlichen Wahrnehmungen von Theater(stücken), liegt unfassbar viel Potenzial für Perspektivübernahme, Selbstreflexion und Kritik, was in der gemeinsamen Arbeit produktiv genutzt werden kann. Dies lässt sich ganz konkret und methodisch im Unterricht umsetzen, etwa durch räumliche Positionierungen, bei denen Schüler*innen im Raum markieren, wie sehr sie sich von einem Thema, einer Szene oder einem Stück angesprochen gefühlt haben, oder durch kurze Schreibimpulse, in denen sie in wenigen Sekunden zentrale Eindrücke, irritierende Momente oder offene Fragen festhalten. Ebenso bieten sich ritualisierte Reflexionsrunden nach Stückbesuchen an, in denen unter anderen auch die Codes thematisiert werden, die den Schüler*innen während des Besuchs aufgefallen sind. So können Fragen nach Zugehörigkeitsgefühlen, Zielgruppen, Zugänglichkeit und Kanon auch im eigenen Theaterkurs produktiv verhandelt und umgesetzt werden. Dass Theater schon längst nicht mehr eine Guckkastenbühne, einen Kanon und ein altes weißes Publikum voraussetzen muss, möchte ich als Erkenntnis mit den Schüler*innen transparent kommunizieren.
Ein weiterer wichtiger Aspekt klassismussensiblen Theaterunterrichts ist die Neuinterpretation und Überschreibung von klassischen Theaterstücken. Indem bekannte Stücke aus neuen Perspektiven betrachten werden, können unterrepräsentierte Stimmen und Erfahrungen sichtbar gemacht werden (vgl. DSD-Input Antigone Akgün, 2024). So ließe sich bei Betrachtung von Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ neben Fragen rund um Liebe, Magie und Traum auch verhandeln, welche Geschichten die Handwerker eigentlich zu erzählen haben. Diese Figuren, die im Original als komisch und ungebildet dargestellt werden, rücken in den Mittelpunkt und ihre Geschichten und Hintergründe werden näher beleuchtet. In meiner eigenen Unterrichtspraxis haben wir dies durch Gespräche mit realen Handwerker*innen aufgegriffen: Die Schüler*innen befragten sie dazu, welche Geschichten sie aus ihrem Berufsalltag erzählen würden und welche Momente, Routinen oder Problemlösungen ihre tägliche Arbeit prägen. Auf diese Weise sind wir gemeinsam in das fachliche, körperliche und erfahrungsgebundene Wissen der Handwerksberufe eingetaucht und konnten so ein starkes Gegenbild zu Shakespeares ursprünglicher Charakterzeichnung entwerfen.
Überschreibungen im Allgemeinen haben dabei mehrere Vorteile: Die Schüler*innen lernen, dass Geschichten verschiedene Blickwinkel haben und dass auch die Stimmen derjenigen gehört werden sollten, die in der Gesellschaft oft übersehen werden. Durch die Überschreibung können klassische Hierarchien und die damit verbundenen sozialen Ungleichheiten in Stücken hinterfragt werden, was die Schüler*innen dazu anregt, über gesellschaftliche Strukturen und Machtverhältnisse nachzudenken.
Literatur
Bourdieu, P. (1976). Entwurf einer Theorie der Praxis auf der ethnologischen Grundlage der kabylischen Gesellschaft. Suhrkamp.
Bourdieu, P. (1982). Die feinen Unterschiede: Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Suhrkamp.
Bourdieu, P. (1983). Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital. In R. Kreckel (Hrsg.): Soziale Ungleichheiten, (S. 183–198). Schwartz.
El-Mafaalani, A. (2021). Mythos Bildung: Die ungerechte Gesellschaft, ihr Bildungssystem und seine Zukunft. Kiepenheuer & Witsch.
Vinken, B. (2003). Die deutsche Mutter: Der lange Schatten eines Mythos. Fischer Taschenbuch.